deutsche gesellschaft für  kinder -und jugendlichenpsychotherapie  und familientherapie - Glosse - Ich träumte wohl - 25. DPT

Glosse - Ich träumte wohl - 25. DPT

Glosse zum 25. DPT: Der weißbärtige Guru und seine Kollektiv-Psychotherapie des inneren Kindes der Psychotherapeuten

Prophet oder Guru oder beides? Auf alle Fälle ein Heilsbringer. Er verkündet das Heil und verspricht Unheil abzuwenden. Irgendwie merkte man beim Hinschauen und beim Zuhören, dass bald die Adventszeit beginnt. Und ist auch rasch in einer ganz ruhigen Stimmung, voll Wohlbehagen. Als ob schon der Segen ausgesprochen wäre.

Zuerst wird das Böse in den Raum gelassen, wo es viel Angst macht, dann wird es wieder aus dem Raum verbannt, was ein sicheres Gefühl gibt. Dann leuchtet das Gute vom Himmel herab und alle fühlen das Helle und Lichte im Herzen.

  Hintergrund ist die Benachteiligung dieses Berufs im Vergleich zu den Ärzten. Sie wollten  nun endlich mit Fachärzten gleich gestellt sein, hinsichtlich Status, Rechten und Bezahlung. Um dieses Ziel zu erreichen, benutzten sie die Ausbildung. Nur wenn die derzeitige in Europa einmalige hoch qualifizierte Ausbildung in Psychotherapie zugunsten einer absehbar schlechten Ausbildung abgeschafft wird, schien dieses berufspolitische Ziel erreichbar. Da dies den ordnungspolitischen Plänen des Bundesgesundheitsministeriums entgegen kommt, wird es in Kürze einen Gesetzentwurf geben.

In einer ersten dreistündigen ersten Diskussion am Freitagabend taucht kein einziges Mal der Patient auf, keinerlei Sorge um die Patienten und keine Sorge um deren Versorgung – dank Professor Richters Tranceinduktion. Dem Präsidenten der Bundespsychotherapeutenkammer BPtK gelingt es, der Seele des inneren Kindes der Delegierten zu begegnen (als ob es eine perfekte hypnotherapeutische Trance-Induktion gewesen wäre). Im Innersten fühlen sie sich von ihm verstanden und applaudieren ohne Ende. Wie dies geschah? Mit einer meisterhaften Rhetorik schürt er große Angst (Es wird uns nicht mehr geben). Das innere Kind ist tatsächlich krank. Es leidet sehr stark an Selbstwertmangel, sein Symptom ist Selbstmitleid und es besteht auch Geldmangel. Wer so krank ist, kann sich nicht um andere Kranke kümmern. Hier beginnt Richters Kunst der Psychotherapie des kollektiven inneren Kindes: Er weckt Hoffnungen, märchenhafte Hoffnungen – und das tut der kleinen Seele so gut.

Dabei enthält die Tischvorlage dieses Parlaments ein sorgfältig ausgearbeitetes Papier, das alle offenen Fragen präzise anspricht. Und aus dem hervorgeht, dass heute noch keine Beschlüsse gefasst werden können. Logisch denkende Erwachsene würden das so sehen. Aber es geht nicht um die Ratio, es geht um Angst und Hoffnung. Das Diskussionspapier wird nicht angeschaut. Es wird einfach übersprungen.

Was sollen wir noch analysieren, wenn unsere Herzen sich doch einig sind? Die Beschwerde der anwesenden PiA-Vertreter (Psychotherapeuten in Ausbildung), dass ihre Not für die Berufspolitik instrumentalisiert wurde und sie nicht den Eindruck haben, dass es dabei noch um sie geht, wird mit Befremden aufgenommen. Und so hat zum Zeitpunkt der Abstimmung wohl bei vielen das innere Kind seine Stimme abgegeben und für die basale Direktausbildung gestimmt. Ergebnis ist Selbstwert-Erhöhung auf Kosten der psychisch kranken Kinder, Jugendlicher und Erwachsener in Deutschland: Die Universität soll etwas lehren, was sie selbst nicht kann. Aber niemand schaut da hin. Der Absolvent der Universität soll etwas machen, was er nicht kann. Niemand macht das Sorgen. Die viel zu frühe Approbation ist das Pharmakon, das Richter seinen leidenden Psychotherapeuten verschreibt und sie führen es dankbar zu Munde. Es wäre zu hoffen gewesen, dass das sehr wohl vorhandene reife Selbst der Delegierten wieder aus seiner Trance erwacht und sagt: Ich hoffe nicht, ich fürchte nicht. Ich bin frei (Kazantzakis). Aber Richters Trance wird länger anhalten.

dgkjpf am 15.11.2014

Um das alles zu verstehen, ist es vielleicht interessant, dass Prof. Richter sich schon 2005 entschieden gegen private Ausbildungsinstitute aussprach und forderte,dass die Psychotherapie-Ausbildung an die Universität muss. Dies zeigt, dass er halt auch nur ein Universitätsprofessor ist, der die Universität für den Nabel der Welt hält. Und bei seiner sehr scharfen Kritik natürlich keinerelei Selbstkritik äußert - an der Uni ist alles besser. Seine Vorwürfe gelten aber mindestens im gleichen Maße auch der Universität und den dortigen vielen menschlichen Unzulänglichkeiten.